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"Das Thema Entrepreneurship war alles andere als sexy und cool" – Oliver Bücken über den Impact durch unternehmerische Bildung

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Geschrieben
20 Juli 2021
Thema
Leadership & Tech Education
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Schon als UnternehmerTUM 2002 gegründet wurde, lautete der Auftrag: Menschen zu unternehmerischem Denken und Handeln befähigen. Dieser Leitstern weist dem Team von UnternehmerTUM auch heute noch, knapp 20 Jahre später, den Weg. Wir haben mit Oliver Bücken, Director Entrepreneurship & Tech Education, gesprochen, der fast seit der Gründungszeit von UnternehmerTUM Seminare leitet. Er hat uns spannende Erkenntnisse über den Impact durch unternehmerische Bildung geliefert.

Tausende Menschen nehmen jährlich an Angeboten der Entrepreneurship-Lehre von UnternehmerTUM und der Technischen Universität München teil. Studierende, Forschende, Professionals, Gründende und lebenslang Lernende finden alles an Wissen, um sich ideal für ihre Karriere im eigenen Start-up oder als Führungskraft zu vorzubereiten. Das Bildungsangebot ist in der Academy for Innovators gebündelt und setzt bereits im Studium an, z.B. mit dem Entrepreneurship-Stipendium Manage and More, Businessplan-Seminaren, dem Executive MBA in Innovation and Business Creation oder der Vorlesung „Innovative Unternehmer“. Hinzu kommen spezifische Bildungsangebote z.B. von der Academy unserer appliedAI-Initiative, die Wissen und Kompetenzen zum Thema Künstliche Intelligenz vermittelt.

Oliver, du bist seit 18 Jahren bei UnternehmerTUM in der Entrepreneurship-Lehre tätig. Wenn du zurückblickst, wie hat sich das Bildungsangebot verändert?

Anfang der 2000er Jahre war gerade die Dot.com-Blase geplatzt, der Neue Markt und andere Tech-Indizes waren auf Talfahrt und es gab eine Beschäftigungskrise - all das führte unter anderem zu wirtschaftspolitisch motivierten Existenzgründungs-Programmen. Man wollte gegen eine international geringe Gründungsquote und die damit einhergehende fehlende Innovationskraft, besonders im wissensbasierten und hoch technologie-orientierten Sektor, angehen. Das war der Kontext in dem auch UnternehmerTUM 2002 gegründet wurde. Ziel war es, das unternehmerische Denken und Handeln der Studierenden zu wecken.

Seitdem hat sich die Education, die wir anbieten, schon sehr stark verändert. Vor 20 Jahren stand ich vorne im Seminarraum und habe mit den Studierenden, verglichen zu heute, frontal agiert. Das Thema Entrepreneurship war alles andere als sexy und cool - wir haben selbst aktiv “Vertrieb” in den Hörsälen und auf dem Campus gemacht, um die Studierenden zu begeistern. Zu der Zeit war es auch schon ungewöhnlich, dass das Thema nicht aus einer wissenschaftlichen Perspektive angegangen wurde, sondern rein auf die Ideen und Projekte der Teilnehmenden ausgerichtet war.

Interdisziplinarität in den studentischen Teams war uns von Anfang an wichtig. Heute ist das selbstverständlich, aber damals mussten wir dafür kämpfen. Was wir anfangs ziemlich überwertet hatten, war die Bedeutung von Businessplänen. Wir waren der Überzeugung, dass es sinnvoll für die Studierenden ist, ein Geschäftsmodell auch zu strukturieren, aufzuschreiben und "schreibend" weiter zu denken. Aber: wenn man sich zu früh mit dem Schreiben eines Businessplans aufhält, kreiert das eine Scheinsicherheit. Wir haben schnell erkannt, dass es hilfreicher ist, die studentischen Teams dem kalten Wasser des Marktes auszusetzen, d.h. die Ideen real auszuprobieren, Prototypen zu bauen und ihre Hypothesen iterativ am Markt zu testen.

Es kommt wesentlich darauf an, die klugen und ausdauernden Köpfe auszubilden und ihnen einen Rahmen zu geben, in dem sie experimentieren können.

Oliver Bücken, Director Entrepreneurship & Tech Education

Was macht die unternehmerische Bildung bei UnternehmerTUM so besonders?

Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Welche Interessen und Leidenschaften bringt die Person mit, wofür will sie sich im Team engagieren? Wir machen nichts mehr frontal, sondern nur noch im „Flipped Classroom“-Stil. Entrepreneurship Education eignet sich hervorragend für diese Methode, weil die Studierenden ja alle mit Wissen und Wissbegierde kommen, um zu innovieren. Deshalb ist unsere Lehre auch immer projektbasiert - wir wollen den Teilnehmenden nicht unser Wissen und unsere Erfahrung „eintrichtern”, sondern wir unterstützen sie in ihren Projekten mit unserem Wissen, unseren Kontakten und unseren Erfahrungen. Dazu braucht es ein anderes Design der Education-Formate, als wir es früher an der Universität gewohnt waren.


Wie beeinflusst deiner Erfahrung nach Entrepreneurship-Bildung den Weg zur Gründung?

An der Frage verzweifle ich seitdem ich in der Entrepreneurship Education tätig bin. Wir können keine direkte Linie ziehen zwischen einem Ausbildungsformat und der Gründung. Natürlich gibt es immer klare Fälle, die ich auch selbst erlebt habe z.B. bei KONUX, aber insgesamt ist Bildung natürlich ein Dauerlauf und kein Sprint. Wir wollen auch gar nicht, dass alle unsere Teilnehmenden sofort gründen, sondern, dass sie das Handwerkszeug lernen, um zum richtigen Zeitpunkt zu gründen und dann aber auch krass durchzustarten. Oder, dass sie eine unternehmerische Haltung in angestellten Berufen einnehmen können.

Wir wollen den Menschen die Möglichkeit geben sich in einem für sie geschützten Umfeld auszuprobieren und in einem psychologisch sicheren Rahmen auch Fehler zuzulassen. Solange diese nur die eigene Zeit kosten, sind das dann „productive failures and learnings”. Learning by doing provoziert Fehler. In unseren Formaten sind Fehler nichts Schlimmes. Solange wir daraus lernen, darf das sein.

Unsere Entrepreneurship Education steht zudem nicht allein da. Die Idee von UnternehmerTUM ist viel größer - wir haben ein super Ökosystem aufgebaut, an der TUM, einer der besten technischen Universitäten weltweit. Es geht darum, sich in diesem Ökosystem so zu navigieren, dass man die Zeit nutzt, um kreativ zu werden, um sich mit anderen Talenten in Teams zusammenzutun, um nahezu rund um die Uhr Prototypen im MakerSpace bauen zu können und diese am Markt zu testen, und dass man lernt zu netzwerken und erste Kontakte zu Frühphasen-VCs zu knüpfen.

Ich halte es mit Einstein, dem folgendes Zitat zugeschrieben wird: “Education is not learning of facts, but the training of the mind to think”. Und vielleicht würde Einstein heute noch hinzufügen: “... and to act”.

Das Programm, mit dem wir wirklich ganz unmittelbare Wirkungen erzielen und messen können, ist Manage and More, in dem es im Kern um Innovationen, Gründungen und Leadership geht. Die Start-up-Datenbank von CrunchBase zeigt schwarz auf weiß, dass es zwölf (!) Start-ups aus Manage and More in den letzten zehn Jahren in die CrunchBase Top 500 geschafft haben. Das ist eine enorme Leistung, betrachtet man einmal das vergleichsweise geringe Budget, das hinter dem Programm steht!


Ihr habt mit der Academy for Innovators eine neue Dimension der unternehmerischen Bildung geschaffen – was waren eure Nordsterne?

Die Mission der Academy for Innovators ist “Unlock the potential of those who shape the future”. Mit der Academy haben wir UnternehmerTUM-weit und unabhängig von ihrer organisatorischen Einbindung alle Lehrenden, Trainer und Coaches versammelt. Diese statten Innovationstreibende und Gründende mit den Fähigkeiten, Werkzeugen und der Denkweise aus, die erforderlich sind, um eine Vision in die Tat umzusetzen. Wir setzen auf die Kraft des projektbasierten Lernens und Coachings, internationale Reichweite durch digitale Tools, lebenslanges Lernen und persönliche Entwicklung.

Wir haben in den letzten drei Jahren gelernt, wie wir unsere Entrepreneurship-Lehre effektiv skalieren und gleichzeitig individuell auf die einzelnen Teilnehmenden zuschneiden können. Wo es Sinn macht, bauen wir diese Peer-to-Peer-Education aus und können so in den nächsten zehn Jahren um den Faktor Zehn wachsen. Das ist ambitioniert, wenn man bedenkt, dass wir in 2020 schon mehr als 3.000 Teilnehmer projektbasiert ausgebildet haben. Kurz: individualized education at scale!


Was hast du in den vielen Jahren gelernt?

Ich bin demütiger geworden, vor allem was die Beurteilung von Geschäftsmodellen in der sehr frühen Phase angeht. Erfahrung hilft da nicht viel weiter, weil das Neue so glitschig ist wie ein Fisch. Es kommt wesentlich darauf an, die klugen und ausdauernden Köpfe auszubilden und ihnen einen Rahmen zu geben, in dem sie experimentieren können. Das Timing spielt hierbei, wie auch beim Investieren, eine wichtige Rolle.

Unternehmertum ist kein Gen oder etwas, mit dem man geboren wird, sondern etwas, das man lehren, lernen und anwenden kann. Junge Menschen und Studierende sind ohnehin begierig darauf, dieses Wissen zu nutzen. Sie müssen uns Lehrende als Coaches für eine Methodik und eine Geisteshaltung nutzen, nicht als Quelle von Fakten.

Vielen Dank für das Interview!


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Vom Entrepreneurship-Stipendium zur erfolgreichen Gründung: KONUX

KONUX ist eines jener Start-ups, das UnternehmerTUM von der ersten Stunde an begleitet und mit unterschiedlichen Programmen unterstützt hat. 2014 lernte das Team sich in der ersten Formation mit Andreas Kunze, Dennis Humhal und Vlad Lata im Entrepreneurship-Stipendium Manage and More kennen und entwickelte dort ein erstes System aus Sensorik und KI, aus dem schon bald die Idee zu sensorbasierter Predictive Maintenance im Schienenverkehr entstand. Inzwischen ist KONUX einer der Pioniere für smarte Sensoren, Datenfusion und KI-basierte Analytik, um die Verfügbarkeit von Anlagen zu erhöhen und Instandhaltung besser planbar zu machen.

Zur Unterstützung durch UnternehmerTUM äußerte sich Andreas Kunze positiv: „Ein extrem cooles Konzept. Und die Voraussetzungen sind mehr als fair. Gefordert sind nur Zeit, Motivation und Leistung – und schon wird einem geholfen.“ Das „Industrial Internet-of-Things“ (IIoT)-Start-up sicherte sich erst Anfang 2021 eine 80 Millionen US-Dollar schwere Serie C-Finanzierung.



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