
Ich habe Flugzeuge geliebt, seit ich denken kann. Als Schüler habe ich Tag und Nacht Modellflugzeuge gebaut und als klar wurde, dass ich studieren möchte, gab es für mich nur eine Option: Stuttgart. 1992 gab es an der Universität Stuttgart den einzigen Studiengang für Luft- und Raumfahrttechnik in Deutschland. Wohin mich dieser Weg führen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Der erste Tag, der alles verändert hat
Manchmal entscheiden sich die wichtigsten Weichen in den unscheinbarsten Momenten. Bei mir war es die Erstsemestereinführung, mein erster Tag an der Universität Stuttgart. An diesem Tag wurden wir „Ersties“ vom Dekan mit einer Rede begrüßt, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Gefolgt von Gruppen von Studierenden, die sich vorstellten. Eine davon war EUROAVIA, eine studentische Initiative für Luft- und Raumfahrtstudierende in Europa. Auf der Bühne sprachen sie von einer Studienfahrt und sagten: „Wir fahren am Mittwoch alle nach Toulouse, schauen uns Airbus an und lernen die französischen Studierenden kennen. Zwei Plätze haben wir noch frei.”
Ich hob meine Hand – und wurde mitgenommen.
Einen besseren Start ins Studium hätte es für mich nicht geben können. Direkt in der ersten Woche nach Frankreich zu Airbus – mein Einstieg in die Luft- und Raumfahrt, aber auch in eine europäische Perspektive, die mich bis heute begleitet.
Das Studium selbst war anspruchsvoll: sehr viel Mathematik und Physik. Aber neben dem Pflichtprogramm engagierte ich mich in der Fachschaft sowie in Initiativen wie EUROAVIA. Genau diese Mischung aus fordernder Ausbildung und eigenem Engagement hat mich geprägt. Würde ich es wieder tun? Ohne zu zögern. Das technische Verständnis, das ich dort erlernt habe, war für mich die Basis für alles, was ich heute mache. Wie funktionieren Regelungssysteme? Wie programmiert man? Wie baut man etwas? Heute greife ich auf dieses Wissen zwar in einem anderen Umfeld zurück, dennoch ist der Grundgedanke oft derselbe.
Nächster Space Shuttle – Zwischen Orbit und Erkenntnis
Mein Weg führte mich weiter an die University of California. Hier hatte ich die Möglichkeit, an der Flugbahnoptimierung des Space Shuttles mitzuarbeiten – gemeinsam mit der NASA und McDonnell Douglas, zu der Zeit einer der weltweit führenden Flugzeughersteller. Damals, mitten in den 90er-Jahren, gab es noch keine großen Rechner; alles war viel bescheidener als heute.
Unsere Herausforderung war es, eine Flugbahn zu berechnen, die das Shuttle sicher aus dem Orbit zurück auf die Erde bringt, ohne dass es dabei zu heiß wird. Ein echtes Optimierungsproblem.
Aber die eigentliche Lektion dieser Zeit kam nicht aus der Technik, sondern aus den Gesprächen mit den NASA-Ingenieurinnen und -Ingenieuren, mit denen ich zusammenarbeitete. Viele von ihnen, teils 30 Jahre älter als ich, hatten einst am Apollo-Mondlandeprogramm mitgearbeitet – und klagten heute darüber, wie schwierig alles geworden sei. Geplagt von mehr Bürokratie, weniger Inspiration und mühsamen Arbeitsweisen haben sie ihre Faszination verloren. Ich habe mich gefragt: Warum? Und ich wusste: So will ich nach 30 Jahren nicht enden. Ich wollte etwas mit Leidenschaft machen.
Aus diesem Moment heraus wurde mir klar: Technik allein reicht nicht aus – ich wollte auch unternehmerisches Denken lernen. Genau das brachte mich zum Management.
Der Sprung zur TU München – und eine mutige Idee
Ende der 90er-Jahre begann die Ära des Internets, und plötzlich entstanden überall neue Technologien und Firmen – etwa so, wie wir es heute mit der künstlichen Intelligenz erleben. Ein paar von uns Studierenden kauften Aktien und wurden, zumindest auf dem Papier, über Nacht zu Millionären. Das hat mir gezeigt: Da geht noch viel mehr.
Ich kehrte dem Golden State erstmal den Rücken und entschied mich aufgrund der neuen Möglichkeiten, die die 2000er mit sich brachten, für ein Managementstudium an der Technischen Universität München.
Immer noch inspiriert von den USA, untersuchte ich für meine Diplomarbeit, wie Stanford und das Silicon Valley funktionierten – und was die TU München und die Stadt München daraus lernen konnten. Die Idee: ein eigenes Entrepreneurship Center aufzubauen.
Ich stellte dem damaligen Präsidenten der TU München meine Vorschläge vor. Seine Reaktion hat mich bis heute geprägt: „Das ist eine richtig gute Idee, lasst uns das machen. Davor pitchen wir das Konzept noch einer tollen Unternehmerin, Susanne Klatten, und holen sie ins Boot, dann kann es losgehen."
Wir pitchten. Hatten Erfolg. Und siehe da, hier stehe ich, 25 Jahre später, und mache noch immer das Gleiche – als Mitgründer und CEO von UnternehmerTUM, heute Europas führendes Zentrum für Innovation und Gründung, und immer noch mit Frau Klatten, die uns weiterhin als Gesellschafterin und Aufsichtsratsvorsitzende zur Seite steht.
Was mich wirklich weitergebracht hat
Wenn ich zurückblicke, war es nie nur eine Sache, die mich angetrieben hat, sondern immer eine Kombination: Vorerst braucht man natürlich die eigene Energie und den Willen, die Extrameile zu gehen, aber auch ein Umfeld von Menschen, von denen man lernen kann. Mentor:innen, die gesagt haben: „Mach einfach." Besonders meine Professorinnen und Professoren der Regelungstechnik in Stuttgart hatten mich nach diesem Motto an die University of California vermittelt.
Genau diese Unterstützung will ich heute zurückgeben – an junge Menschen, die das Ziel haben, ihre Vision und ihren Lebenstraum zu verwirklichen.
Einer der prägendsten Momente an der Universität Stuttgart hatte übrigens gar nichts mit Technik zu tun. Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern. Ich saß im Vorlesungssaal meines Rhetorikseminars und habe wie Espenlaub, gezittert, weil ich meinen ersten Vortrag halten musste. Das kostete mich enorm viel Überwindung, aber ich habe mich getraut. Heute halte ich mehrmals pro Woche Vorträge – und bin bis heute froh, dass ich mich damals überwunden hatte.
Meine Geschichte hier zu erzählen, klingt so, als hätte alles in meiner beruflichen Laufbahn auf Anhieb geklappt. Überraschung – so ist es nicht. Auch ich habe an Projekten gearbeitet, die gescheitert sind; Ideen entwickelt, die nicht funktioniert haben; Gespräche mit potenziellen Kunden geführt, die ins Leere liefen. Doch genau das gehört dazu, damals wie heute. Entscheidend ist, dass in Summe genug gelingt, um auch das Scheitern zu tragen.
Was ich Studierenden mitgeben möchte
Wenn ich heute auf junge Menschen blicke, die gerade ihr Studium beginnen, sehe ich vor allem eins: Aufbruch. Viele von ihnen bringen genau die Mischung mit, die es braucht – Neugier, technisches Verständnis und den Mut, eigene Wege zu gehen. Das ist der eigentliche Rohstoff für jede Gründung. Und genau dieser Funke, wenn er einmal überspringt, gibt wiederum anderen den Mut, es auch zu versuchen.
Ein Lebenslauf mit Titeln wie Diplomingenieur:in, Honorarprofessor:in, Gründer:in oder CEO wirkt im Rückblick immer sehr geradlinig. Was man dabei nicht sieht: die Experimente, die nicht funktioniert haben, die Neugier, die vielen kleinen Momente, in denen ich einfach den Mut aufgebracht habe, es zu probieren.
Deshalb, wenn ich euch nur eine Sache mitgeben könnte:
Seid mutig und geht aus eurer Komfortzone raus. Genau dort beginnt jede Reise, die sich am Ende lohnt.
Helmut Schönenberger, CEO & Co-Founder UnternehmerTUM
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Dieser Beitrag basiert auf einem Gespräch mit Helmut Schönenberger in der ersten Folge des Alumni-Podcasts der Universität Stuttgart, moderiert von Rubina Breuer.