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Geschrieben
09 Februar 2022
Thema
Nachhaltigkeit
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Architektur für ein besseres Leben – das ist Anna Heringers Mission. Die Architektin und Honorarprofessorin hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit die METI School im bengalischen Rudrapur ins Leben gerufen und gewann 2007 den Aga Khan Award for Architecture. 2021 hat Anna Heringer am internationalen Austauschprogramm Erasmus for Young Entrepreneurs teilgenommen, ein Partnerprojekt von UnternehmerTUM, u.a. um ihr unternehmerisches Wissen an den innovativen Nachwuchs weiterzugeben. Wir haben mit ihr über das Potenzial von nachhaltigem Bauen und ihren Weg zur erfolgreichen Unternehmerin gesprochen.

Du bist erfolgreiche Architektin und Unternehmerin. Wie bist du dahin gekommen?

Da bin ich ehrlich gesagt ein bisschen „reingeschlittert“. Ich habe meine Diplomarbeit in Architektur an der Kunstuniversität in Linz gemacht und mein Projekt war eine Schule in Bangladesh, die auch wirklich gebaut wurde. Unerwarteterweise wurde das Ganze ein ziemlicher Hit, es hat mehrere Preise gewonnen, u.a. den Aga Khan Award for Architecture. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, weitere Projekte anzuschließen, sodass ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte, angestellt in einem Architekturbüro zu arbeiten. In Praktika habe ich während des Studiums allerdings gleichwohl die Prozesse auf Baustellen kennengelernt, was für mich eine absolut wichtige Erfahrung war. Natürlich ist die Selbstständigkeit immer eine Herausforderung, vor allem wenn man wie ich gegen den Mainstream schwimmt. Aber es funktioniert! Das Schöne ist: Es geht immer irgendwie weiter und das ist es auch, was ich im Rahmen von Erasmus for Young Entrepreneurs weitergebe. Wenn man sich auf die eigenen Fähigkeiten konzentriert und man ihnen Raum gibt, dann macht das Leben die Türen auf. Doch dazu braucht es auch Mut und Durchhaltevermögen. Und es hilft immer, sich zu fragen, was brauche ich wirklich zum Leben – und sich von Überfluss zu befreien. Das macht einen flexibler.

Der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen, aber auch mit Geld, ermöglicht es uns, den Status-quo zu verbessern, sodass wir nicht nur Gebäude aufbauen können, sondern Gemeinschaften – in Harmonie mit der Natur.

Anna Heringer

Welche Vision verfolgst du mit deiner Architektur?

Meine Vision und Mission lautet „Architecture is a tool to improve lives”. Für mich soll Architektur Lebensbedingungen verbessern, auch wenn sie oft das Gegenteil, also Zerstörung, bewirkt. Da ich aber Optimistin bin, bin ich davon überzeugt, dass wir als Weltgemeinschaft Architektur zukünftig besser einsetzen können als im Moment. Der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen, aber auch mit Geld, ermöglicht es uns, den Status-quo zu verbessern, sodass wir nicht nur Gebäude aufbauen können, sondern Gemeinschaften – in Harmonie mit der Natur.

Was zeichnet deine Werke aus?

Ich achte im ersten Schritt immer sehr stark darauf, welche lokalen Baumaterialien und Ressourcen vorhanden sind. Das betrifft vor allem auch die menschliche Arbeitskraft, also das Handwerk. Hinzu kommt „Wissen“ als globale Ressource, die immer angezapft werden sollte. Denn dieses kann wiederum auf die lokalen Verhältnisse angewandt werden. Allein das Wahrnehmen dessen, was vor Ort vorhanden ist, ist der Schlüssel zur Resilienz, um unabhängig von externen Faktoren zu sein. Genau dieses Gefühl möchte ich auch bei Erasmus for Young Entrepreneurs weitergeben.

Wo setzt du deine Projekte um?

Ich arbeite viel in Bangladesh und Ghana, aber auch hierzulande in Rosenheim, wo Martin Rauch und ich 2021 den Europäischen Bauhaus-Preis für die Erweiterung eines Ayurveda-Gesundheitszentrums erhalten haben. Unabhängig vom Standort setze ich mich für meine Vision ein, ressourcengerecht zu bauen, egal wie hoch oder niedrig das vorhandene Budget ist.

Du hast einige Zeit in Bangladesh gelebt. Wie hat diese Zeit deine spätere Arbeit beeinflusst?

Noch bevor ich mein Architekturstudium begonnen habe, bin ich nach Bangladesh gereist und habe genau das dort gelernt und mitgenommen: mit dem zu arbeiten, was vorhanden ist. Gerade die Entwicklungsarbeit vor Ort hat mich der Antwort auf die Frage, was Glück im Leben bedeutet, nähergebracht. Für mich bedeutet es, dass alles, was ich tue, nicht nur mir, sondern vor allem der Gesellschaft dienen soll.

Auf deiner Website schreibst du, dass Nachhaltigkeit für dich ein Synonym für Schönheit ist. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Gut aussende Gebäude gibt es wie Sand am Meer. Was wir meiner Meinung nach brauchen, sind sinnhafte Gebäude, die von innen heraus schön sind – nicht nur im ästhetischen Sinne, sondern in Harmonie mit den Menschen, der Gesellschaft vor Ort und unserer Umwelt. Das ist etwas, das man spürt. Ich wünsche mir, dass Architektur berührt und anregt. Wenn wir Dinge mit Liebe umsetzen, tun wir dies automatisch nachhaltig. Deswegen ist Schönheit für mich ein Synonym für Nachhaltigkeit.

Was muss deiner Meinung nach geschehen, damit nachhaltiger gebaut wird?

Wir brauchen definitiv eine Nachjustierung in unserem Wirtschaftssystem. Es darf nicht sein, dass Bauen mit lokalen Materialien so viel teurer ist als mit CO2-lastig importierten Teilen. Da wird noch völlig falsch investiert und subventioniert. Das Gute aber ist, dass wir Menschen das in der Hand haben und ändern können. Erst einmal braucht es ganz klar eine CO2-Steuer. Außerdem müsste man hier auch das menschliche Handwerk anders als Energiequelle nutzen. Menschen müssen stärker in die Bauprozesse involviert werden und die Unsummen an Profit, die bei Bauprojekten entstehen, müssen verstärkt bei den Menschen landen und nicht nur in gewissen Wirtschaftszweigen.

Warum hast du dich entschieden, bei dem Programm Erasmus for Young Entrepreneurs (EYE) mitzumachen und welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Das ging damals von einer jungen Architektin aus, die unbedingt bei mir hospitieren wollte. Da ich aber so viele Non-Profit-Projekte betreue, fehlten mir Budget und Infrastruktur für eine zusätzliche Person. Sie hatte aber bereits von EYE gehört und dann hat es mit der Bewerbung gleich geklappt. Für uns beide war das Programm dann eine absolut bereichernde Erfahrung mit tollem Austausch und vielen Learnings. Ich kann es absolut empfehlen!

Vielen Dank für das Interview


Copyright Foto: Gerald von Foris

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