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„Wir können liefern, was die Politik angesichts der Energiekrise händeringend sucht“ – Interview mit Start-up Reverion

German Popp, Fotoatelier am Hafen, Straubing © German Popp, Fotoatelier am Hafen, Straubing
Geschrieben
14 Dezember 2022
Thema
Nachhaltigkeit
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“Transitioning to a future without fossil fuels” lautet das ehrgeizige Ziel des jungen TUM-Start-ups Reverion. Dazu hat das mittlerweile 27-köpfige Team, das aktuell an unserem TechFounders-Programm teilnimmt, eine bahnbrechende Technologie für die Gewinnung von Strom aus Biogas entwickelt. Wie ihre Innovation funktioniert und warum Kreislaufwirtschaft die Zukunft ist, verrät uns Stephan Herrmann von Reverion im Interview.

Spätestens im letzten Jahr ist deutlicher denn je geworden, dass die Menschheit von fossilen Rohstoffen loskommen muss. Wie wollt ihr dazu beitragen?

Der Übergang zu einer Zukunft ohne fossile Brennstoffe ist eine der größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit je stand. Und, in der Tat, ist das Problem heute dringlicher denn je. Aber auch heute noch stammen 40 % der weltweiten CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken. Die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist (nach wie vor) erforderlich, um den Strombedarf zu decken, wenn nicht genügend erneuerbare Energie im Netz vorhanden ist.

Darüber hinaus hat die derzeitige Energiekrise die Probleme der hohen Abhängigkeit der EU von Erdgasimporten deutlich gemacht.

Biogas kann nicht nur importiertes Gas ersetzen, sondern ist auch die einzige bedeutende erneuerbare Energiequelle, die wetterunabhängig Strom erzeugen kann. Die heutigen Biogasanlagen nutzen jedoch nur 40 % des Energiepotenzials, sind nicht flexibel und stoßen Millionen Tonnen CO2 aus.

Hier kommt unsere Technologie ins Spiel. Unsere Lösung ist ein hocheffizientes, reversibles, CO2-negatives Kraftwerk für Biogas, welches wir im Laufe der Jahre erfolgreich entwickelt, patentiert und validiert haben. Reverion-Anlagen können die Stromerzeugung aus der gleichen Menge Biogas durch höhere elektrische Wirkungsgrade verdoppeln. Zusätzlich kann dieselbe Anlage grünen Wasserstoff oder Methan aus zeitweise überschüssigem Strom erzeugen. Und im Gesamtprozess wird reines, lagerfähiges CO2 abgetrennt, was negative CO2-Emissionen ermöglicht.


Klingt genial. Wie seid ihr zu dieser Idee gekommen?

Bis vor kurzem war ich Gruppenleiter am Lehrstuhl für Energiesysteme der Technischen Universität München (TUM) in Garching, wo ich die Idee zu dem neuen Systemdesign im Rahmen meiner Dissertation entwickelt hatte. Im Laufe der Jahre stellte ich das Team an der TUM zusammen, um einen Prototyp zu entwickeln. Nachdem sich der Prototyp als erfolgreich erwiesen hatte, wurde Reverion im Jahr 2022 gegründet, um die Technologie zu skalieren und in den Markt zu bringen.

Seit Mai haben wir unsere Büros und Produktionsstätten nach Eresing in Bayern verlegt und unser Team auf fast 30 Mitarbeitende erweitert – und wir suchen noch weiteren Teamzuwachs in allen Bereichen - Elektronik, Mechatronik, Schweißtechnik, IT dem Ingenieurwesen, wie auch Mitarbeitende für unser Business Development und das Sales Team! Insbesondere auch wer einen Werksstudentenjob sucht ist herzlich eingeladen sich zu bewerben!


Mal ganz ehrlich: Können wir mittelfristig wirklich unabhängig von fossilen Rohstoffen werden?

Um von fossilen Rohstoffen unabhängig zu werden, brauchen wir Technologien, die sowohl wetterunabhängig erneuerbaren Strom produzieren als auch bei Bedarf Energie speichern können.

Mit unseren Reverion-Anlagen können wir beide Probleme angehen und allein in Deutschland das Potenzial zur Stromerzeugung aus Biogas-Bestandsanlagen von heute rund 5,5 GW auf bis zu 11 GW steigern. Nutzen wir die volle Flexibilität der Technologie, können in Spitzenzeiten sogar 20 GW Strom erzeugt werden, was mehr als die Kohleverstromung heute ist!

Darüber hinaus kann synthetisches, erneuerbares Erdgas aus Reverion-Anlagen über das bestehende Erdgasnetz für Strom, Wärme oder Mobilität genutzt werden. Dabei wird durch die Nutzung der vorhandenen Gasinfrastruktur ein Langzeitspeichereffekt erreicht. Die bestehende Infrastruktur besitzt in Deutschland eine Speicherkapazität von rund 400 TWh, dem 100.000-fachen insgesamt installierter Batteriespeicher.

Die Kombination dieser beiden einzigartigen Eigenschaften würden eine (mittelfristig) emissionsfreie Zukunft ermöglichen.


Was genau macht Biogas aus und wo steht Deutschland momentan mit der Versorgung?

Wenn organische Abfälle - z. B. Ernterückstände, Dung usw. - in Abwesenheit von Sauerstoff zersetzt werden (anaerober Prozess), wird eine Mischung aus Methan, Kohlendioxid, Wasser und Schwefelwasserstoff freigesetzt. Diese Gase zusammen werden als Biogas bezeichnet. Biogas wird heute typischerweise mit Gasmotoren zur Stromerzeugung genutzt, in einzelnen Fällen aber auch zu einem Erdgasersatz (Biomethan) aufgewertet und ins Gasnetz eingespeist.

Biogas ist bereits jetzt eine tragende Säule im Energiesystem und insbesondere in Deutschland sehr stark verbreitet. Von den europäischen rund 20.000 Biogasanlagen, stehen fast die Hälfte (~9.700 Stück) in Deutschland. Dies entspricht einer installierten Stromerzeugungskapazität von etwa 6,5 GW an Biogasanlagen in Deutschland. Im vergangenen Jahr produzierten diese Anlagen jedoch nur 27.000 GWh Strom, was weniger als 50 % des vollen Produktionspotenzials entspricht.

Was den Gasverbrauch betrifft, so deckt Deutschland 27 % seines Primärenergieverbrauchs mit Erdgas. 95 % dieses Gases wird importiert, und 55 % des importierten Gases kam aus Russland. Die deutsche Biogaskapazität könnte derzeit nur 22 % des russischen Gases decken. Mit unserer Technologie kann dieser Anteil jedoch ohne zusätzlichen Flächenverbrauch auf 44 % erhöht werden.

„Wir können liefern, was die Politik angesichts der Energiekrise händeringend sucht: Die Grundlage für ein bezahlbares, stabiles, dezentrales Energiesystem.“

Stephan Herrmann, Reverion

Was müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft leisten, um Technologien wie eure im Sinne einer Kreislaufwirtschaft voranzubringen?

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft spielen eine wesentliche Rolle und müssen zum Wandel beitragen, indem sie neue, revolutionäre Technologien wie unsere unterstützen und vorantreiben. Das gilt sowohl bei der direkten öffentlichen finanziellen Förderung, wie auch regulatorisch, fiskalisch und kommunikativ. Die eigentliche Grundlagenentwicklung wird bereits heute relativ breit öffentlich gefördert. Aber insbesondere in der Scale-up-Phase gibt es für Start-ups wie uns teilweise unnötige Hürden, die es erschweren neue Technologien schnell und effizient in die (Serien-)Produktion und auf den Markt zu bringen. Zusätzlich fehlt es in Deutschland und Europa an passenden öffentlichen Fördermechanismen für das durchaus kapitalintensive Aufsetzen einer Fertigung im industriellen Maßstab durch Start-ups, die nicht den finanziellen Hintergrund eines älteren, etablierten Unternehmens vorweisen können. Da könnte sich zum Vorteil aller noch einiges verbessern, denn wir können liefern, was die Politik angesichts der Energiekrise händeringend sucht: Die Grundlage für ein bezahlbares, stabiles, dezentrales Energiesystem. Unsere Mission ist es, den globalen Klimawandel umzukehren und eine emissionsfreie Zukunft zu ermöglichen. Und wir sind davon überzeugt, dass wir dies nur gemeinsam erreichen können.

Vielen Dank für das Interview!

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