
September 2025, Nairobi.
Es ist der Auftakt unserer ersten Reise nach Afrika. Gleich zu Beginn ergreift Steffi Czerny, Geschäftsführerin von DLD Media, das Wort und sagt einen Satz, der den Ton für alles Weitere setzt:
Die Frage ist nicht, was Afrika von uns lernen kann, sondern was die Welt von Afrika lernen kann.
Steffi Czerny
Für einen Moment wird es still. Nicht aus Höflichkeit. Sondern weil klar wird: Hier verschiebt sich gerade etwas. Ein Blickwinkel. Vielleicht sogar ein Selbstverständnis.
Was in diesem Moment anklingt, bestätigt sich in den folgenden Tagen und in zwei Jahren intensiver Projekt- und Netzwerkarbeit: Dieser Perspektivwechsel war keine Momentaufnahme.
Afrika ist kein Zukunftsversprechen, das man auf Panels beschwört. In Städten wie Nairobi, Lagos, Accra oder Addis Abeba entstehen einige der dynamischsten Tech-Ökosysteme weltweit. Innovation entsteht hier mit hoher Geschwindigkeit, unternehmerischer Energie und einem klaren Fokus auf reale Anwendungsfälle.
Gerade deshalb entstehen Lösungen, die funktionieren: robust, kosteneffizient, skalierbar.
Über 1,4 Milliarden Menschen leben auf dem afrikanischen Kontinent, das Durchschnittsalter liegt unter 20 Jahren. Eine junge, unternehmerische Generation baut Unternehmen nicht aus theoretischem Interesse, sondern aus Ambition und Notwendigkeit. Wer verstehen will, wie Märkte der Zukunft aussehen, kommt an diesen Ökosystemen nicht vorbei.
Für europäische Deep-Tech-Startups sind sie längst keine Randnotiz mehr, sondern reale Testfelder. Und umgekehrt expandieren afrikanische Tech-Unternehmen zunehmend nach Europa mit Geschäftsmodellen, die Effizienz und Wirkung neu denken.
Diese Dynamik zeigt: Es geht nicht um punktuelle Kooperationen, sondern um langfristige, belastbare Partnerschaften.
In einer Zeit, in der sich die geopolitische Landschaft neu ordnet, gewinnen genau solche Beziehungen strategisch an Bedeutung. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bringt es auf den Punkt:
Wir sollten Win-win-Partnerschaften mit aufstrebenden Volkswirtschaften anbieten, die mit uns zusammenarbeiten wollen. Aber wir müssen schnell und konkret sein.
Ursula von der Leyen
Dass es dabei nicht nur um echte Zusammenarbeit auf Augenhöhe, sondern konkreten unternehmerischen Nutzen geht, unterstreicht auch Johannes Willms, Managing Director bei UnCap:
„Unsere Motivation für die Teilnahme am Africa Meets Bavaria-Programm war es, die Perspektive von ‚Africa Rising‘ sichtbar zu machen und zu zeigen, wie viel deutsche Unternehmen aus gleichberechtigten Partnerschaften lernen können.“
Zwei Jahre Africa Meets Bavaria zeigen: Dort, wo Perspektivwechsel auf konkrete Umsetzung trifft, entstehen unternehmerische Brücken, die tragen.
Und genau darin liegt die strategische Dimension des Programms.
„Wenn wir von Brückenbauen sprechen, meinen wir keinen symbolischen Austausch“, sagt Lara Knödler. „Es geht nicht um Hilfsnarrative. Es geht um strategische Partnerschaften, die beiden Seiten helfen, wettbewerbsfähig zu bleiben.“
Wenn aus Begegnung Zusammenarbeit wird
Als Africa Meets Bavaria mit Unterstützung der Bayerischen Staatskanzlei gestartet wurde, war die Idee klar: Innovationsökosysteme verbinden, unternehmerische Talente stärken, langfristige Kooperationen ermöglichen.
Was daraus entstanden ist, lässt sich nicht allein in KPIs erzählen, auch wenn die Zahlen für sich sprechen und in der Grafik sichtbar werden.
Bis zum Sommer 2026 wird das Programm folgende Reichweite erreicht haben:
- 400 Teilnehmer am Kurs für digitales Unternehmertum „From Zero to Hero“
- 180 Teilnehmer am Meisterklassenprogramm
- 20 Teilnehmer im Format „Innovation Exchange“
- Über 30 Teilnehmer an Studienbesuchen
Entscheidend ist, was jenseits der Kennzahlen gewachsen ist.
Die Münchner Startups, die Talente aus den Partnerländern aufgenommen haben, berichten übereinstimmend von einer Zusammenarbeit, die sich schneller und nachhaltiger entwickelt hat als zunächst erwartet. Aus zeitlich begrenzten Fellowships wurden langfristige Kooperationen. Teams arbeiten weiter zusammen, Projekte wurden ausgebaut, gemeinsame Vorhaben verstetigt.
Zwei Münchner Startups haben inzwischen Büros in Nairobi und Mombasa eröffnet, nicht als symbolische Außenposten, sondern als bewusste Investition in wachsende Märkte und qualifizierte Talentpools.
Auf Seiten der Talente haben sich ebenfalls Türen geöffnet. Mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich im Anschluss auf EXIST-Gründerstipendien beworben. Andere haben an ihren lokalen Hochschulen eigene Gründungsinitiativen ins Leben gerufen und Entrepreneurship-Strukturen aufgebaut.

Clifford Musyoka, Innovation Exchange Teilnehmer und Mentor an der Mount Kenya University in Nairobi
Eine Teilnehmerin stand kurze Zeit später als Speakerin auf der Munich Cyber Security Conference auf der Bühne und sprach dort als Expertin in einem global relevanten Zukunftsfeld.

Joy Watiri (Mitte) gemeinsam mit ihrer Mentorin Margret Mwinji (rechts) bei der Cyber Security Conference in München
Was gewachsen ist, lässt sich nicht planen. Es entsteht aus Vertrauen, Wiederholung und dem ernsthaften Willen zur Zusammenarbeit. Genau darin liegt die Qualität solcher Partnerschaften.
„Gute Führung heißt, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen – und Brücken zu bauen statt in Silos zu denken.“
Rewla Ephrem, Gründerin und Programmteilnehmerin
Entstanden ist mehr als ein Netzwerk. Es ist eine Community von Innovatorinnen und Innovatoren, die genau dieses Verständnis teilen: neugierig bleiben, Verantwortung übernehmen, neue Wege gehen.
Science Entrepreneurship in einer neuen Realität
Was in zwei Jahren entstanden ist, verweist auf eine größere Entwicklung. Für Bayern mit seiner starken Forschungs- und Deep-Tech-Landschaft eröffnet sich hier eine klare strategische Perspektive. Afrikanische Innovationszentren arbeiten mit hoher Geschwindigkeit an Lösungen für Food Security, Energy Resilience, Circularity oder Cyber Security, Themen, die globale Relevanz haben.
Internationale Partnerschaften sind dabei kein Add-on mehr. Sie werden zum Instrument für Resilienz, Diversifizierung und gemeinsame Innovationsfähigkeit.
Im nächsten Schritt geht es darum, diese Zusammenarbeit weiter zu vertiefen, insbesondere im Bereich Science Entrepreneurship: Forschung gemeinsam in Anwendung bringen, technologische Exzellenz gemeinsam skalieren, Märkte gemeinsam entwickeln.
Im September 2026 planen wir den zweiten Learning Visit nach Ghana und Nigeria. Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie Ökosystem-Akteure, die sich aktiv einbringen und langfristige Partnerschaften aufbauen möchten, sind eingeladen, sich mit uns in Verbindung zu setzen.
Vielleicht beginnt es, wie im September 2025 in Nairobi, mit einer einfachen Frage: Was, wenn wir mehr voneinander lernen können, als wir bisher angenommen haben?

Das Africa Meets Bavaria-Team mit Delegationsteilnehmenden und Vertretern der Afrikanischen Union in Addis Abeba