
Sind dynamische Netzentgelte nur ein theoretisches Konzept für die Zukunft – oder bereits heute ein wirksames Instrument für ein effizienteres Energiesystem?
Die Antwort lieferte das Co-Innovationsprojekt Grids and Benefits: Über mehrere Monate wurden dynamische Netzentgelte unter realen Bedingungen getestet – mit messbaren Effekten für Netzstabilität und Kund:innenkosten.
Bei der Abschlussveranstaltung am 29. Januar im Munich Urban Colab diskutierten rund 150 Expert:innen aus Energiewirtschaft, Politik und Forschung, welche Rolle dynamische Netzentgelte künftig für ein leistungsfähiges, bezahlbares und klimaneutrales Energiesystem spielen können.
Ein Energiesystem im Umbruch
In den Impulsen aus Markt und Industrie wurde deutlich, wie grundlegend sich das Energiesystem aktuell verändert.
Bastian Gierull, CEO von Octopus Energy, sprach von einem „iPhone-Moment“ der Energiewende: Technologien werden zunehmend leistbar, während Elektrifizierung und der Ausbau erneuerbarer Energien exponentiell voranschreiten.
Dominik Becks, Global Head of Corporate Strategy – Business Development Energy-, Circular-Ecosystems bei der BMW Group, zeigte auf, wie Flexibilität im Kund:innenhaushalt konkret nutzbar wird – vom intelligenten Laden von Elektrofahrzeugen bis hin zu bidirektionalem Laden und der Bündelung von Flexibilität in sogenannten Powerpools.
Aus Sicht der Übertragungsnetzbetreiber betonte Dr. Markus Binder, CFO von TenneT, die Dimension der bevorstehenden Investitionsaufgaben. Flexible Netzentgelte seien ein zentraler Hebel, um Effizienzpotenziale zu heben und ein Energiesystem zu ermöglichen, das nicht nur nachhaltig, sondern auch wirtschaftlich tragfähig ist.
Warum dynamische Netzentgelte jetzt relevant sind
Die Stromnetze stehen unter wachsendem Druck: Der Ausbau erneuerbarer Energien sowie die zunehmende Elektrifizierung von Mobilität und Wärme führen zu neuen Lastspitzen und Engpässen. Die Kosten für Redispatch liegen bereits heute bei rund 3 Milliarden Euro pro Jahr – Tendenz steigend, wenn keine wirksamen Anreize für netzdienliches Verhalten gesetzt werden.
Dynamische Netzentgelte setzen genau hier an: Sie spiegeln den aktuellen Netzzustand wider und schaffen ökonomische Anreize, Strom dann zu nutzen, wenn er aus Netzsicht besonders günstig ist.
Der Feldtest: Flexibilität im Realbetrieb
Im Projekt Grids and Benefits wurde dieser Ansatz gemeinsam mit einem starken Konsortium erstmals systematisch im Realbetrieb erprobt. Mithilfe dynamischer Netzentgelte wurde der Netzzustand abgebildet und in einem Feldtest mit über 6.500 Ladevorgängen automatisiert angewendet.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, welches Potenzial in flexiblen Preissignalen steckt:
Rund 70 Prozent der Ladevorgänge zu Hause wurden netzdienlich verschoben.
Für die teilnehmenden Kund:innen ergab sich eine durchschnittliche Ersparnis von 2 Cent pro Kilowattstunde, in der Spitze sogar bis zu 10 Cent pro Kilowattstunde.
Beim öffentlichen Laden zeigte sich ebenfalls ein Effekt: Preisreduktionen ab 20 Cent pro Kilowattstunde führten zu messbar netzdienlichem Ladeverhalten – allerdings nur dann, wenn Fahrer:innen aktiv reagieren konnten.
Ausblick: Von der Erprobung zur Regulierung
Die Ergebnisse des Projekts liefern wichtige empirische Erkenntnisse für die Weiterentwicklung des regulatorischen Rahmens. Sie fließen in die laufende Diskussion zur Netzentgelt-Reform der Bundesnetzagentur ein und sollen einen Beitrag zur praxistauglichen, flächendeckenden Einführung dynamischer Netzentgelte leisten.
Am 9. Februar werden Grids and Benefits und die Projektergebnisse in einem Webinar für Presse und Interessierte vorgestellt.
Wer Interesse hat, die Energiewende durch Co-Innovation aktiv mitzugestalten, ist eingeladen, mit Veronika Brandmeier (veronika.brandmeier@unternehmertum.de) und dem Team von UnternehmerTUM Energy in den Austausch zu treten.
Foto: Steffen Kastner / UnternehmerTUM